14. Januar 2010 – Pastoralblatt

Autor: Dr. Martin Pott

Der Suizid des Nationalspielers Robert Enke Ende 2009 hat ein Thema in die Öffentlichkeit katapultiert, das gemeinhin ein Tabu darstellt. Dabei liegt die Zahl der jährlichen Suizide in Deutschland mit ca. 10.000 ungefähr doppelt so hoch wie die Zahl der Verkehrstoten. Suizid führt vor Augen, wie zerbrechlich das Leben ist. Suizid zeigt, in welche Verzweiflung Menschen geraten können. Jeder Suizid lässt Menschen zurück: Familienmitglieder, Freundinnen, Nachbarn, Arbeitskollegen. Kinder sind am schutzbedürftigsten unter denen, die von Suizid betroffen werden.

Diesem jungen Personenkreis stellt sich das vorliegende Kinder-und Bilderbuch. Es füllt eine wichtige Lücke im Bereich der Hilfen in Buchform. Es ist aus der Erfahrung von Ulrich Roth, langjähriger Seelsorger am Universitätsklinikum Aachen und in der Integrativen Psychiatrieseelsorge Aachen, entstanden. Seine Idee zu diesem Buch haben die Texterin und der Grafiker Mechthild und Heinrich Hüsch umgesetzt.

Entstanden ist ein Bilderbuch, das für die Altersgruppe von Grundschulkindern bis hin zur 6. Klasse in Bild und Wort einen Deutungshorizont entwirft. Das Buch beginnt mit dem Satz: „Abends gehe ich ins Bett und denke: Wenn du morgen aufwachst, war alles nur ein schlimmer Traum.“ Aber Jakob muss feststellen, dass der Tod seines Vaters bittere Realität ist, mit allen Konsequenzen. Er denkt an das, was er mit seinem Vater alles vor hatte. Sie wollten wieder klettern gehen, haben schon das Seil vorbereitet und Knoten geübt – an dem Seil, mit dem der Vater sich jetzt erhängt hat. Eine Doppelseite geht auch in aller Kürze auf mögliche Ursachen ein: Arbeitslosigkeit, zu viel Alkohol, zunehmender Rückzug in die eigene Welt. Als das Schlimme passiert ist, kommt als zweiter Schlag für Jakob hinzu, dass die Erwachsenen ihm nicht die Wahrheit sagen wollen und die Mitschüler hilflos den Kontakt meiden. Während Jakobs Schwester Tina mit Freundinnen zusammen hockt und Ausdrucksformen der Trauer findet, bleibt der Junge allein.

Im Rahmen der Darstellung der Beerdigung geht das Bilderbuch auch auf den Wandel im kirchlichen Umgang mit Suizid ein. Kirche wird als hilfreich und stützend gezeichnet. „Jesus habe sich immer um die Verzweifelten und Notleidenden gekümmert.“, sagt der Pfarrer, der die Zurückgebliebenen zu Hause besucht. Im Gottesdienst findet endlich auch Jakob Trost: Die ganze Schulklasse ist da und sie singen Osterlieder. Jakob kann hoffen, dass sein Vater in anderer Weise weiter lebt und sie sich alle einmal wieder sehen.

Die Erzählung endet mit der Phase der Normalisierung. Die Mutter ermuntert Jakob, seinen Geburtstag mit einem Fußballturnier zu feiern. Langsam kehrt das Leben ins Haus zurück. Untrügliches Zeichen dafür ist, dass Jakob sich wieder mit seiner Schwester Tina streitet.

Komplettiert wird das Bilderbuch durch einen kurzen Sachtext von Ulrich Roth und ein Nachwort von Prof. Dr.Dr. Paul Hoff. Das Buch besticht vor allem durch seine Reduktion und Konzentration. Knappe Texte links, manchmal nur ein Satz, eine farbige Zeichnung rechts. Für mich am eindrücklichsten ist das Motiv, das auch auf dem Titel des Buches abgebildet ist. Zu sehen ist der Hund des Spaziergängers, der den Toten gefunden hat. Den Kopf nach oben gereckt sitzt er vor dem Baum, von dem nur der untere Teil des Stamms zu erkennen ist. Gerade weil der Tote nicht zu sehen ist, erschreckt das Bild zunächst ungemein. Auf den zweiten Blick kann der Betrachter eine zusätzliche Dimension ent-decken: Der Blick des Tieres himmelwärts eröffnet eine Perspektive über das Irdische hinaus. Ein Mensch „hat sich das Leben genommen“ – hat er nicht nur ein Leben beendet, sondern sich ein neues „Leben bei Gott“ genommen?

Weil das Buch seine Aussagen in Wort und Bild so hervorragend verdichtet, vermag es elementare Botschaften zu vermitteln: Leben ist Geschenk und Fragment, Schreckliches passiert, allein kommt damit niemand klar, Gemeinschaft stiftet Trost, Glaube schenkt Kraft, der Kreislauf des Lebens geht weiter, die Toten nehmen als schmerzhaft-dankbar Erinnerte eine neue Rolle darin ein. Das Buch von Mechthild und Heinrich Hüsch und Ulrich Roth ist ein Buch von Tod, Leben und Hoffen. Mit seiner Hilfe kann es leichter fallen, das Unaussprechliche behutsam anzuschauen. Das Buch vermittelt Hoffnung, die aus dem Zusammenhalt der Zurückgebliebenen erwächst, die aber auch in der Perspektive des Vertrauens auf eine Lebenskraft liegt, die stärker ist als jeder Tod.

Dieses Buch ist überaus gelungen und gehört in die Hände direkt oder mittelbar betroffener Kinder. Besonders hilfreich wird das gemeinsame Lesen und Schauen -und dann ins-Gespräch-Kommen – in der (Rest-)Familie, in Schulklasse oder Sportverein und in Kindergruppen der christlichen Gemeinde oder des kirchlichen Jugendheims sein. Es ist zu wünschen und zu erwarten, dass dieses Buch auf eine große Resonanz trifft.

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